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beck2you: Social Distancing

Jetzt ist die Zeit gekommen, welche jeden Einzelnen auffordert – ja fast schon zwingt – zahlreiche Fehlentwicklungen der letzten Jahre einzugestehen.

Karin Beck-Sprotte

Wie Sie wissen, steht beck2you® seit nunmehr fast 20 Jahren für HR-Professionals, Führungskräfte und Menschen als Sparringspartnerin und Impulsgeberin zur Verfügung, um Selbstführungskompetenzen im Sinne: Zurück zu Dir: „Blick‘ zurück und geh‘ nach vorne!“ zu vermitteln.

Social Distancing bedeutet gegenwärtig die physische Abstandseinhaltung, um die Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit zu verlangsamen und hat nichts damit zu tun, dass wir soziale Distanz im Sinne tragfähiger und vertrauensvoller Beziehungsfähigkeit und damit Verlust von echter Nähe leben sollen. Ganz im Gegenteil: Gerade durch räumliche Distanz besteht die große Chance sich auf einer fürsorglichen, freiheitsliebenden, vertrauensvollen Ebene der Verbundenheit für gemeinsame Ziele neu zu begegnen.

Ich möchte Ihnen mit dem heutigen Blog Beitrag eine konstruktiv-provokative Auflistung der – aus meiner HR Sichtweise – entstandenen Fehlentwicklungen aufzeigen, damit Sie durch Selbstreflexion und Erkenntnisse Ihre eigenen Schlussfolgerungen für die berufliche und persönliche Zukunft ableiten.

Arbeit 4.0

Körper, Geist und Seele

In zahlreichen Unternehmen konnte ich beobachten, dass das Thema Arbeit 4.0 häufig durch sehr kostenintensive Raumkonzepte als „der“ Schlüssel für „New Work“ betrachtet wurde. Kreativräume mit Schaukelstühlen bis hin zu Hängematten, offene Räume und mobile Arbeitsplätze, die von allen beliebig genutzt werden können. Wer nur ansatzweise darauf hingewiesen hat, dass Einzelbüros nicht weniger sondern mehr Teamfähigkeit, Effizienz, Konzentrationsfähigkeit fördern, wurde mit Rückmeldungen wie: „Ja, ja Boomer!“ zum Schweigen gebracht.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Vielleicht ging es bei dem ganzen kreativen „open Space“ Hype gar nicht so sehr um die Menschen und Teams, sondern vielmehr darum, auf möglichst wenig Raumfläche zu kommen? Kosteneffizienz als Leitmotiv!

Home-Office

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit wurden Managementlieder gesungen, dass durch das Home-Office angeblich die Teambildung nicht gefördert würde.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Vielleicht ging es ja gar nicht um das Home-Office Konzept als solches, sondern darum, dass man die Prozesse hin zur Digitalisierung und Automatisierung nicht ernsthaft angehen wollte oder aufgrund von Kompetenzmangel nicht angehen konnte?

Mitarbeiterbindung

Digitalisierung

Ich selbst bin seit 2015 als Pionierin zum Thema HR-Digitalisierung unterwegs und könnte heute einen Roman darüber schreiben, wie viele Widerstände mit immer denselben Abwehrargumenten es gab und gibt. Ich bin absolut davon überzeugt, dass die Digitalisierung gerade im Hinblick auf digitale kollaborative Lernplattformen die Zukunft ist. Doch was mir vor allem von Coaches, Trainern und Trainingsanbietern immer wieder entgegengebracht wurde, war, dass die persönliche Begegnung unabdingbar ist um einen Lern- und Erkenntnisprozess  zu gewährleisten.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Beobachten Sie mal in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren, wie exakt genau die gleichen Trainingsanbieter, Psychologen, Pädagogen, Trainer, Coaches jetzt aufgrund der aktuellen Situation ein Loblied auf digitale Distance Learning Formate singen werden! Sorry, doch mir fehlt da jedwede Glaubwürdigkeit von Seiten zahlreicher Anbieter und als HR-Professional wäre ich nicht mehr verführbar von Anbietern, die bisher vehement auf Präsenzveranstaltungen gesetzt haben.

Agile Hipp-Hopp als goldenes Ei

Diese Art der Zusammenarbeit wurde in den letzten Jahren schon fast zur Pflichtveranstaltung. Jeder und alles soll „agile“ sein. Ganze Konzerne haben mit Großbuchstaben „ We are agile“ in die Empfangshallen und auf den Hochglanzfassaden – mit dem Farbcode der Corporate Identity – ihre vermeintliche Agilität zum Leuchten gebracht.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Kann es sein, dass Agilität nur ein Sirenengeräusch gewesen ist, um mit der Überforderung der immer schnelleren Komplexität ein Allheilmittel räumlicher Grenzen zur Verfügung zu stellen? Kann es sein, dass Stand-up Meetings einem das Gefühl vermitteln sollten, wenn etwas in diesem agilen Raum nicht funktioniert, dann kann keiner mehr als Individuum zur Verantwortung gezogen werden?

Ressourcenmanagement

Kitas im Unternehmen als goldenes Ei

Eine wunderbare Einrichtung für alle Angestellten die Kinder haben. Die Kinder werden betreut und sind ganz nah bei Mama und oder Papa. Nur leider hat man offensichtlich nicht bedacht, dass wenn Krisen auftreten, dann auch die Kitas der Unternehmen nicht mehr funktionieren.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Vielleicht ging es bei diesem Konzept darum, dass man die Kinderbetreuung möglichst nah an das Unternehmen räumlich einbinden wollte, damit bei Bedarf auch mal länger gearbeitet werden kann?

Bürohundkonzepte als goldenes Ei

Das in den letzten Jahren in Deutschland die Anzahl der Hundebesitzer enorm angestiegen ist, dürfte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. Bei ca. 8 Millionen Hunden entsteht natürlich eine riesige Industrie und die damit einhergehenden Serviceangebote, rund um des Deutschen besten Freund. Wer sich gewagt hat, diesen Anstieg auch mal aus einer kritischen Perspektive zu hinterfragen, konnte und kann auch heute noch damit rechnen sofort in die hundefeindliche Ecke gestellt zu werden.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Kann es sein, dass unsere Gesellschaft immer mehr vereinsamt auch und gerade in Familien, welche zwar räumlich unter einem Dach leben, doch dem Grunde nach keine befriedigende Kommunikationskultur stattfindet? Kann es sein, dass man durch Bürohundkonzepte, welche beispielsweise die Gefahren von Burnout auffangen sollen, selbst Tiere für wirtschaftliche Interessen instrumentalisiert?

Ressourcenmanagement

Der Job als Spaßprogramm

Arbeit muss Spaß machen! Selbstverständlich ist es sinnvoll, wenn die Arbeit auch Freude bereitet. Doch diese Freude entsteht durch einen wirkungsvollen Beitrag und nicht durch äußere Anreize. Wenn man beispielsweise nur einmal die explodierte Angebotsvielfalt von Trainingsmaßnahmen betrachtet, erkennt man sehr schnell, dass es mehr um Entertainment und Unterhaltungsprogramme als um Lernangebote geht. Lernen und auch die freudige Umsetzung in Arbeitsleistung ist ein Entwicklungs-prozess der Konzentration der einer gewissen Anstrengung bedarf. Letztlich ist es ein Prozess der Reifung!

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Kann es sein, dass eine ganze Generation keine Chance hatte diesen Reifungsprozess zu durchleben, weil durch das Motto: „Alles easy, alles fun“ die Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit nicht entwickelt wurde? Kann es sein, dass durch dieses räumliche „ Job Spaßprogramm“ die Frustrationstoleranz derart unterentwickelt oder die Notwendigkeiten von Begrenzungen und Empathie im miteinander verkümmert ist?

Hampelmenschen

Schon auffallend, dass die Nachwuchsgeneration im Hinblick auf Karrieregestaltung häufig kein Interesse daran hat, Führungsverantwortung zu übernehmen. Doch vielleicht ist es auch die logische Konsequenz aus dem bisher Aufgezeigten. Denn wenn eine Führungskraft mehr und mehr zum „Entertainer“ und extrinsischen „Motivationsguru“ mutiert, hat dies nichts mit Führung zu tun, sondern vielmehr damit, kollektiv in den Räumlichkeiten des Unternehmens „herumzuhampeln“.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Wenn ein Konzernvorstand mitteilt, dass ab sofort die gesamte Belegschaft „Du“ zum Vorstand sagen kann, hat dies dann etwas mit Orientierung zu tun? Fühlen sich nicht ganz viele Menschen trotz mobiler, kreativer Gemeinschaftsräume alleine gelassen, weil keine Führungs-KRÄFTE mehr erkennbar und wirksam werden?

Cloud-Working

Generation X oder 50+

In den letzten Jahren wurde so viel über die Generation „Babyboomer, Y und Z“ geschrieben, dass es für manchen schon nicht mehr zu ertragen war. Doch eine Generation scheint komplett aus dem Fokus geraten zu sein – die Generation X. Schaut man sich die Employer Branding Word Cloud an, dann erkennt man sehr schnell, dass die scheinbare Wertewelt sich ausschließlich auf die Generation Y und Z ausrichtet; allerdings mit dem Denken und Handeln der Babyboomer. Denn es sind noch immer die männlichen Babyboomer, die fest im Sattel der Macht sitzen.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Kann es sein, dass die Generation X – gerade auch die weibliche Spezie – für die Babyboomer auf zu nahem Raum zu gefährlich geworden sind? Wäre es möglich, dass sich die Generation Y und Z nach Frauen der Generation X in den Top-Führungspositionen sehnt? War der Begriff der Quotenfrau nur ein Werkzeug der Kommunikation, um weibliche Führungskräfte zu schwächen, weil diese ja sowieso nur eine Quote in den Führungsetagen erfüllen?

Studien – Studien – Studien

Wer heutzutage im virtuellen Raum noch gesehen oder gehört werden will, der braucht eine Studie. Eine Studie welche durch wissenschaftliche validierte Daten nachvollziehbar ist und möglichst von einem Prof. Dr. Dr. mit einer ohnehin schon vermarkteten Reputation, des absoluten Expertenstatus über alle „Channels“ die Erkenntnisse in die Köpfe der Menschheit durch die Kraft der Wiederholung, allmählich ins Gehirn über Synapsenverbindungen, hineinbrennt.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Kann es sein, dass der normale Menschenverstand sowie das Erfahrungswissen in virtuellen und realen Räumen bewusst als nicht relevant eingestuft wird? Verlieren wir Menschen den Bezug zur erlebten Realität, weil wir uns nur noch von wissenschaftlichen Theorien, wissenschaftlichen Keynotespeaker Events sowie vom scheinbaren „Top 10 Consulting“, deren PowerPoint Folien sowie vom digitalen und print Verlagswesen explosionsartigen, vermarkteten Buchpublikationen leiten lassen?

Big Data in HR

Die Party ist vorbei – OM!

Wie langweilig, jetzt beginnt die Reifung! Naives Verhalten, Silver Ager, die es einfach superklasse finden, wenn Mama und Papa die besten Kumpels sind; Kinder die noch mit 35 Lebensjahren gerne mit „Mutti & Papi“ Urlaub und Freizeit gestalten; Social Media wird langweilig, Echoräume werden langweilig, Gaming wird langweilig, Selfies werden langweilig. Streaming und Umweltschutz wie passt das denn zusammen, Demos statt Schule, Verrohung der Sprache, Shitstorm.

Was wir jetzt brauchen? Everything is possible – Nein, eben nicht!

Verantwortung, Vernunft und Herzensbildung! Das kulturelle „Spieleland“ ist als Party vorbei. Jetzt gilt es Fähigkeiten der Empathie der Rücksichtnahme und auch der Besonnenheit und Zurückhaltung einzubringen. Wir brauchen Glaubwürdigkeit und neue zukunftsfähige Strukturen!

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Ein psychologischer Lagerkoller entsteht nicht nur, wenn man seine eigenen „Vier Wände“ nicht mehr verlassen darf, sondern auch dann, wenn man sich in physischen Räumen der Businesswelt oder in virtuellen Räumen durch permanente Anpassungsleistungen beweisen muss, um nicht als Individuum durch die herrschenden Gruppendynamiken ausgegrenzt zu werden.

Abschließend noch ein Hinweis meinerseits zum seit einigen Tagen neuen „Wortmantra“: Solidarität.

Social Distancing Reflexionsmöglichkeit: Wenn eine Gesellschaft auf das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Einstehen füreinander und einer sich daraus gründenden Unterstützung permanent über alle „Channels“ hinweisen muss, dann ist das Kind der Solidarität bereits in den Brunnen gefallen – oder?

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie gesund bleiben und wir gemeinsam die scheinbare Stille durch räumliche Distanz in einen – trotz aller Schwierigkeiten und menschlichen Tragödien – fruchtbaren Prozess der Reifung verantwortungsbewusst, vernünftig und durch Herzensbildung wandeln und alle anstehenden Herausforderungen meistern können.

Ihre, Karin Beck-Sprotte





Über Karin Beck-Sprotte

Karin Beck-Sprotte
Karin Beck-Sprotte berät mit ihrem Unternehmen„beck2you“ seit 2004 als Management Coach HR-Professionals. Mehr als 20 Jahre Erfahrung im HR-Business sind ihre Basis. Ihre Ausbildung als Management Coach hat sie an der Intercoaching AG mit einem Diplom absolviert. Ihre Kenntnisse frischt sie regelmäßig durch zahlreiche Fortbildungen auf.


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